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Evangelischer Kirchenkreis Halle-Saalkreis

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07.11.2019

Rede von Simone Carstens-Kant und ARD-Berichterstattung zur Beräumung des Marktplatzes am 6.11.2019

Abschluss Gedenken am Geoskop - Simone Carstens-Kant

Rede und Gebet von Simone Carstens-Kant im Vorfeld der Beräumung des Gedenkortes am Fuß der halleschen Marktkirche:

Die Tür hat gehalten. Der Plan von Stephan B. war ein anderer. Dass er ihn nicht umsetzen kann, rettet die betenden Jüdinnen und Juden in der Synagoge, Menschen unserer Stadt, Gäste aus der Welt. Jom Kippur – Tag der Sühne. Versöhnungstag. Ein ruhiges Fest.

In diesem Jahr bricht die Ruhe, Schüsse fallen. Zwei unbeteiligte Menschen sterben. Die Ruhe zerstört – durch den Hass eines Einzelnen.

Weil sein Plan versagt, werden zwei Menschen zum Opfer seiner Wut, seines Hasses. Unfassbar. Unergründlich. Das Herz von Stephan B. zerfressen von Verachtung gegenüber dem, was er als fremd bezeichnet, als feindlich. Der Hass fragt nicht nach dem anderen. Er fragt nicht nach dem Gegenüber. Der Hass fragt nicht nach Jana L. und Kevin S. Er fragt nicht nach dem Paar aus Landsberg. Hass mordet. Hass zerstört.

In der Folge: Eine Stadt in Aufruhr. Sirenen reißen nicht ab. Unsicherheit  flackert in den Augen der Bürger. Ratlosigkeit, die Seele bebt. Sie weint und will sich mitteilen.

Menschen suchen einander und finden sich. Sie finden Zeichen für die Trauer. Hunderte Kerzen beginnen zu leuchten. Schweigende Zeichen für das Unaussprechliche. An der Synagoge. Am Kiez-Döner. Hier auf dem Markt – inmitten der Stadt. Das Schweigen – es quält nicht. Es verbindet mich mit dem, der neben mir steht. Der mir eben noch ein Fremder war.

Das Schweigen stärkt mich in den Stunden nach dem Unfassbaren. Mehr als Worte es jetzt könnten.

Nein, es hätte dieses furchtbaren Geschehens nicht bedurft, um zu spüren: Wir stehen zusammen! Nein!

Aber es ist gut, dass wir uns finden. Dass wir miteinander schweigen. Miteinander gedenken.

Ich bin dem Geschäft dankbar, das den Kunden Kerzen für das Gedenken schenkt.

Ich bin dankbar für die Vielen aus allen Teilen der Stadt, die sich am Freitag danach auf den Weg zur Synagoge machen. Die überfüllte Straßenbahn fährt leer weiter, nachdem sie am Wasserturm gehalten hat. Viele hundert Menschen bilden eine Schutzkette um die Synagoge.Ich bin dankbar, dass mir der Shabatbecher gereicht wird. Die Worte der jungen jüdischen Frau berühren mich tief: Danke, dass Ihr gekommen seid. Ich bin dankbar, dass die endlos scheinende Menschenkette die Synagoge und den Kiez-Döner verbindet.  

Ich bin dankbar für die wachsende Wimpelkette in den Straßen im Paulusviertel. Unübersehbar inzwischen. Unsere Stadt soll eine bunte Stadt bleiben.

Ich bin dankbar für die eine Frau, die jeden Tag hierher kommt und dafür sorgt, dass die Kerzen weiterbrennen.  

Ich bin dankbar für die vielen, die egal, ob sie gläubig sind oder nicht, Gottesdienst feiern in der Marktkirche. Und unter freiem Himmel, weil der Platz in der Kirche nicht reicht.

Ich bin dankbar für die Künstler, die den jubelnden Zuhörerinnen und Zuhörern immer wieder in Erinnerung rufen: Halle muss und wird zusammenstehen!

Ich bin dankbar für ungezählte Kerzen hier vor mir. Blumen. Texte. Briefe. Ich bin dankbar für die Menschen, die immer wieder stehen bleiben. Und schweigen.

Mein Herz ist schwer. Meine Seele weint. Doch sie findet Trost im Miteinander seit dem 9.Oktober. Meine Seele findet Trost im Miteinander mit Ihnen, die Sie heute Abend gekommen sind.

 

Ich möchte beten.

Gott, ich bete zu dir, weil ich dir erzählen muss, wie schwer es mir ums Herz ist.

Ich bete zu dir, weil ich nach Antworten suche, wo sich keine finden lassen.

Ich bete zu dir, indem ich dich bitte:

Sei bei den Familien von Jana L. und von Kevin S. Lass sie nicht allein in ihrem Schmerz.

Sei bei den Menschen, die Augenzeugen des Attentats geworden sind.

Sei bei denen, die Angst haben.

Ich bete zu dir, weil ich darauf hoffe:

Unsere Liebe kann den Hass bezwingen!

Ich bete zu dir, weil ich darauf vertraue: Deine Farben sind die Farben des Lebens und nicht des Hasses.

Amen.

 

Lassen Sie uns dabei still an den Tag denken, an dem zwei Menschen ihr Leben verloren haben. Ein Tag, der uns bis heute verstört. Ein Attentat, das uns nun näher beieinander stehen lässt. Im Miteinander-Schweigen und im Miteinander-Tun werden wir stark sein.

 

Mediathek zur anschl. Berichterstattung

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